Was das digitale Gesundheitswesen braucht

Was braucht es, damit digitale Innovationen im Gesundheitswesen erfolgreich sein können? Die Bertelsmann Stiftung befasst sich in einem aktuellen Projekt mit dem Thema der Digitalisierung des Gesundheitswesens. In diesem Rahmen führt das Projektteam unter anderem den Blog “Der digitale Patient” und hat ein Expertennetzwerk namens “30 unter 40” von jungen Machern und Denkern des Gesundheitswesens zusammengestellt. Auch ich bin Teil dieses Expertennetzwerks.

Aktuell (im gesamten August 2016) veröffentlicht das Projekt auf Twitter kurze Zitate aller Experten zu Rahmenbedingungen und Nutzen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Alle Tweets finden sich unter dem Hashtag #30unter40. Ein Zitat von mir ist gerade am 23. August erschienen:

 

Die Begrenzung auf die Tweet-Länge von 140 Zeichen war nicht einfach. Weit mehr Hintergrundüberlegungen sind in das kurze Zitat eingeflossen als es den Anschein hat. In diesem Beitrag möchte ich den Hintergrund zu meinen Überlegungen ausführlicher darstellen:

Zunächst sollte die Aussage etwas länger sein (was allerdings 140 Zeichen deutlich überschritten hätte):

Dazu brauchen wir einen klaren Beweis von Nutzen und Wirtschaftlichkeit, vertrauenswürdigen Datenschutz, Akzeptanzgewinn bei Nutzern & Payern und aktive Förderer und mutige Macher

Die einzelnen Punkte ergeben sich aus folgenden Überlegungen.

Einen klaren Beweis von Nutzen …

 

Zunächst braucht jede digitale Innovation im Kern einen Beweis bzw. Beleg des Nutzens und der Wirtschaftlichkeit. Die Logik dahinter ist offensichtlich. Jedes Unternehmen, das erfolgreich sein will, muss Wert für seine Kunden schaffen. Dieser Wert ist manchmal einfacher, manchmal schwerer zu beschreiben. Für viele Konsumgüter ist er einfach nachzuvollziehen, insbesondere wenn der Wert aus physischen Elementen oder Dienstleistungen mit klarem Ergebnis (z.B. Frisörbesuch) besteht. Komplexe Güter, vor allem im B2B-Bereich, sind hingegen schon schwieriger zu verstehen und zu bewerten. Auch im Gesundheitswesen ist der Nutzen von Therapien nicht sofort transparent. Das liegt insbesondere an der Komplexität des menschlichen Körpers und den Wirkzusammenhängen, die für Laien meist nicht und auch für Profis manchmal nur schwer zu verstehen sind. Daher braucht jede Therapie einen eindeutigen Nutzenbeweis. Eine Hypothese, wie eine Therapie wirkt und damit Wert schafft ist eine gute Ausgangsbasis, aber noch kein ausreichendes Verkaufsargument.1 Um den Nutzen einer Therapie festzustellen muss eine Studie durchgeführt werden, in der die Therapie (hier: das innovative Digitalhealth Angebot) gegen eine Kontrollgruppe oder besser noch ein Placebo (sofern denkbar) oder gegen eine etablierte Vergleichstherapie (sofern existent) getestet wird. Durch einen Nutzenbeweis lassen sich die Kostenträger, insbesondere Krankenkassen, überzeugen.

 

… und Wirtschaftlichkeit …

 

Selbst wenn die Digitalhealth Innovation einen Nutzen schafft, muss dieser Nutzen auch bezahlbar sein. Genauer gesagt: Entweder eine neue Methode ist gleichwertig mit ihrem Nutzen gegenüber traditionellen Methoden und die Kosten sind geringer; oder die Kosten der Methode sind zwar höher, aber der Nutzen ebenso. In diesem Fall würde die Versorgungsqualität für Patienten gestärkt werden und/oder die Innovation würde an anderer Stelle höhere Kosten vermeiden (z.B. für Krankenhausaufenthalte oder Arztbesuche).
Ist eine Nutzenbeweisstudie erfolgreich durchgeführt worden, lässt sich die Wirtschaftlichkeit recht einfach kalkulieren. Allerdings wird dafür durchaus dezidiertes Know-How über die Geldverteilungsmechanismen im Gesundheitswesen benötigt.

 

… vertrauenswürdigen Datenschutz …

 

Neben den Kernqualitäten braucht es in jedem Fall auch einen “Hygienefaktor” um als Innovator erfolgreich zu sein: Eine gewissenhafte Umsetzung von Datenschutz und Datensicherheit.
Patienten ist die Sicherheit und Privatheit ihrer Daten sehr wichtig. Besonders in Deutschland wird dieses Thema nicht nur intensiv diskutiert, sondern auch immer wieder in Studien belegt. Auch Kostenträger achten sehr auf Datenschutz und Datensicherheit. Sie verstehen sich hier als Qualitätsprüfer für ihre Versicherte.

Datenschutz ist aber kein Totschlagsargument oder unüberwindbares Hindernis. Vielmehr braucht es zwei Aspekte auf die die Innovatoren achten müssen. Einerseits einen transparenten und klaren Umgang mit der Thematik. Patienten, auch absolute Laien, müssen verstehen können, wo und wie ihre Gesundheitsdaten gespeichert und durch wen und wie sie verarbeitet werden. Nur so kann Vertrauen zwischen Patienten und Anbieter aufgebaut werden. Andererseits braucht es ein deutliches Bemühen um die IT- bzw. Datensicherheit rund um das eigene Produkt oder den eigenen Service. Dafür müssen entsprechende Mittel in die Hand genommen werden.

 

… Akzeptanzgewinn bei Nutzern & Payern …

 

Die ersten drei Punkte dienen vor allem der Schaffung von Akzeptanz bei den Nutzern (Patienten und Ärzten) und den Zahlern (gesetzliche und private Krankenkassen) der digitalen Innovationen.

Nur wenn Krankenkassen von Nutzen, Wirtschaftlichkeit und der Einhaltung des Datenschutzes überzeugt sind, sind sie bereit die Kosten zu übernehmen. Das gilt sowohl für Verträge mit einzelnen Kassen als auch bei einer allgemeinen Kostenübernahme, über die die gemeinsame Selbstverwaltung des Gesundheitswesens entscheidet.
Aber auch Ärzte, die die neuen digitalen Anwendungen selber nutzen oder verschreiben sollen, müssen von Sinn und Zweck der Innovationen überzeugt sein. Den Aufwand den es dafür braucht, sollte nicht unterschätzt werden. Und auch Patienten als Nutzer sind nicht automatisch aufgeschlossen gegenüber Neuem. Sie müssen ebenfalls erst noch überzeugt werden.

 

… und aktive Förderer und mutige Macher

 

Dieser Punkt hatte es aufgrund der Zeichenbegrenzung nicht in das Zitat geschafft. Trotzdem ist auch er entscheidend für die Etablierung der Digitalisierung im Gesundheitswesen: Aktive Förderer und mutige Macher.

Die Notwendigkeit von mutigen Machern ist einfachersichtlich. Risikobereitschaft und Unternehmertum, ob in Startup oder Konzern, schaffen überhaupt erst die Innovationen. Auf ihrem Weg durch den Regulationsdschungel des Gesundheitswesens, braucht es aber auch immer wieder aktive Förderer, beispielsweise bei Kostenträgern, in der Politik oder in Aufsichts- und Regulierungsbehörden. Auch diese müssen bereit sein, Innovationen einen Wohlwollens- und Vertrauensvorschuss zu geben, damit neue Ideen getestet und evaluiert werden können.

Der Weg zur digitalen Gesundheit ist nicht einfach, sondern eine Herausforderung für alle Akteure. Daher ist es gut zu wissen, welche Rahmenbedingungen Digitalhealth braucht, um sich im deutschen Gesundheitswesen zu etablieren. Neben den oben aufgezählten Punkten gibt es aber noch viele weitere Aspekte, die anderen #30unter40 Experten anführen.

1: Das gilt übrigens nicht nur für Digitalhealth, sondern genauso für traditionelle Versorgungssteuerungsansätze zu denen die Krankenkassen Selektivverträge schließen

One thought on “Was das digitale Gesundheitswesen braucht

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